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Erfahrungsbericht Deutschland

Ehrenamt – Erfahrungsberichte

Ich war bereits in den späten 1980-er Jahren beim DW in Müllheim in der Asylarbeit als ehrenamtlicher Mitarbeiter tätig. Damals habe ich mehrere Familien aus dem Libanon und aus Afghanistan betreut. Teilweise bis heute.

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Heinz, 62 Jahre

Nachdem ich 2007 nach 40 Jahren in einem technischen Beruf in den Vorruhestand ging, suchte ich wieder nach einer ehrenamtlichen Beschäftigung. Es war mir wichtig, etwas ganz neues zu tun und Umgang mit Menschen zu haben. Deshalb habe ich mir die „Rechtliche Betreuung“ ausgesucht. Zugegeben ein etwas anspruchsvolles Ehrenamt. Dabei geht es darum, Erwachsene, die wegen einer psychischen Krankheit oder wegen einer Behinderung ihre Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht mehr selbst erledigen können, zu unterstützen. Und das in vorwiegend rechtlichen Angelegenheiten. Natürlich nach deren Wünschen, soweit sie diese äußern können. Ich werde für jede zu betreuende Person per Gerichtsbeschluss bestellt und muss jährlich über meine Tätigkeit berichten. Meine Betreuten sind ein bunt gemischtes Häufchen aus körperlich und geistig Behinderten, Analphabeten, Wachkomapatienten, Menschen mit Demenz, seelisch Behinderten, von deutscher, italienischer und türkischer Nationalität. Vom Betreuungsverein der Diakonie, dem ich mich angeschlossen habe, erhalte ich Schulung, Beratung und regelmäßig Informationen. Auch der Austausch mit anderen Ehrenamtlich Rechtlich Betreuenden findet dort regelmäßig statt.

Diese Aufgaben übernehme ich sehr gerne, weil ich dabei tiefe Einblicke in sehr unterschiedliche Lebenssituationen und Schicksale erhalte, die mir sonst völlig verborgen blieben. Dazu schult es ungemein im Umgang mit Menschen und Institutionen aller Art, wie Behörden, Gerichte, Krankenkassen, Pflegeheime, Krankenhäuser, etc. Besonders wichtig ist mir – und wozu ich mich als Beamter verpflichtet fühle, auch wenn es antiquiert erscheint – gegen die zunehmende „Gesetzesferne“ mancher Leistungsträger aktiv anzugehren. D.h. Bescheide, die meine Betreuten erhalten zu prüfen, zu hinterfragen und ggf. Widerspruch einzulegen. Und auch vor Gericht zu ziehen, wenn der Anspruch nicht anders durchsetzbar ist. Und es macht wirklich Spaß und bringt Bestätigung, wenn ein Leistungsträger über eine Klage beim Sozialgericht die zunächst versagte Leistung dann doch erbringen muss. Anfänglichen hatte ich allerdings einige Wissenslücken zu stopfen. Da mir als Ehrenamtlicher die Kosten für Fachfortbildungen zu hoch waren, habe ich mir durch den Besuch der Vorlesungen in den Fächern Sozialrecht und insbesondere Sozialverwaltungsrecht an der Kath. Hochschule in Freiburg ein praxisnahes, systematisches rechtliches Wissen angeeignet.

Als weiteres Ehrenamt biete ich für die Bürger meiner Heimatgemeinde noch eine Sozialberatung an. Im ev. Dekanat Müllheim arbeite ich im Arbeitskreis „Dialog Islam- Christentum“ mit und beim SKM (Kath. Verein für soziale Dienste in der Erzdiözese Freiburg e.V.) arbeite ich ehrenamtlich mit beim Aufbau eines WIKI für das vereinsinterne Wissensmanagement.

Im Umgang mit der „Fachwelt“ hatte ich anfangs den Eindruck, nur als Störung im Betriebsablauf oder als billige Arbeitskraft wegen zurückgehender Fördermittel wahrgenommen zu werden. Es wird nicht immer erkannt, dass auch unbezahlter, ehrenamtlicher Einsatz wichtig ist und sogar von der Organisation angestrebt und gefördert werden muss. Ehrenamt ist für beide Seiten ein Gewinn. Auch die Anerkennung der ehrenamtlichen Arbeit und die gegenseitige Wertschätzung sind unverzichtbar. Sie sichern eine gelingende Zusammenarbeit und binden ehrenamtliche Mitarbeiter dauerhaft. Dies habe ich beim DW immer so erfahren. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter sehe ich mich innerhalb einer Einrichtung durchaus auch als „Spezialist“ für bestimmte Fragestellungen und Aufgaben, auch als „Korrektiv aus dem normalen Alltag“ und manchmal als Impulsgeber. Von Organisationen, die Ehrenämter anbieten, wünsche ich mir klare Angebote, regelmäßigen Austausch und die Formulierung von Erwartungen und Wünschen für das Engagement.

Heinz, 62 Jahre