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Erfahrungsbericht Deutschland

Migration – Erfahrungen

Ich wurde am 16. November 1968 als viertes von sieben Kindern in Narmak, einem Vorort von Teheran, geboren. Mein Vater war Fliesenleger und meine Mutter Hausfrau.

Mit 17 Jahren wurde ich verheiratet. Seit meinem 12. Lebensjahr stand meine Verheiratung zur Diskussion, doch mein Vater war nicht mehr gewillt, länger zu warten. Ich hatte daher kein Mitspracherecht bei der von ihm verfügten Hochzeit.

Maryam

Maryam wurde mit 17 Jahren zwangsverheiratet.

Ich konnte jedoch durchsetzen, daß ich bis zum Abitur im Haus meiner Eltern bleiben durfte. Diese Zeit ab meinem 12. Lebensjahr, in der die Kindheit noch nicht zu Ende ist und eigentlich die Jugend anfängt, war für mich eine sehr bittere Erfahrung.

Als ich 11 Jahre alt war, fing der irakisch-iranische Krieg an. Dieser verschonte auch unsere Familie nicht. Als ich 14 war, fiel einer meiner Brüder. Kurze Zeit darauf verschwand ein anderer Bruder. Lange Zeit galt er als vermißt. Nach vierzehn Jahren sollten wir seine sterblichen Überreste identifizieren, doch den uns gezeigten Knochen war nicht mehr anzusehen, wer das einmal war. Im Herbst 1987 ereilte uns der nächste Schicksalsschlag. Ich war 19, es war das letzte Kriegsjahr – Streß, Depression, Angst und Trauer begleiteten uns ständig. Da erkrankte plötzlich meine älteste Schwester und verstarb kurz darauf, noch bevor überhaupt eine Diagnose gestellt werden konnte.

Im gleichen Jahr, zwei Monate zuvor, hatte ich das Gymnasium absolviert und war in die Hausgemeinschaft meines Ehemannes gezogen. Ich bestand die Aufnahmeprüfungen
zur Universität, doch mein Schwager und meine Schwägerin verfügten, daß ich nicht studieren dürfe. Mein Mann fügte sich dieser familiären Entscheidung und Einmischung. So war für mich nicht mehr an ein Studium zu denken. Aber den Wunsch danach gab ich nie auf.

Im Herbst 1988 kam meine erste Tochter auf die Welt. Meine Schwangerschaft war unter dem Eindruck des Todes meiner Schwester eine sehr traurige Zeit. Die Kinder meiner verstorbenen Schwester – 1 und 4 Jahre alt – hatten keine familiäre Heimat mehr. Sie zogen mit ihrem Vater von Familie zu Familie. Für mich wiederum war das Leben in der Familie meines Mannes sehr fremdbestimmt. Ich ertrug hilflos lange trostlos schmerzhafte Zeiten, in denen ich andauernd
belehrt wurde, was ich zu tun und zu lassen hätte.

Im Winter 1990, fünfzehn Monate nach der Geburt meines ersten Kindes, brachte ich meine zweite Tochter auf die Welt. Sie war eine Frühgeburt, sehr klein und schwach, wog nur 1700 Gramm und hatte Atemschwierigkeiten. Später sollte sich herausstellen, daß sie behindert war. Es war ihr nicht möglich zu laufen. Mit 4,5 Jahren wurde sie operiert. Ich hatte derweil ein drittes Kind bekommen, einen Sohn, der zu diesem Zeitpunkt 5 Monate alt war. Nun war ich 25 Jahre alt, Mutter dreier Kinder, hatte einen Mann, den ich nicht liebte und eine Großfamilie, die mir das Leben schwer machte.

Zwölf Jahre nach meinem Abitur, durfte ich dann schlußendlich an die Universität. Während des Studiums arbeitete ich nebenher bei einer Reisegesellschaft. Es war eine schwere Zeit – die Belastungen wurden täglich mehr und mehr, im Privaten wie auch im öffentlichen Leben. Der Mann, mit dem ich zusammenleben mußte, war mit allem was ich tat in keinster Weise einverstanden.

Unablässige häßliche Bemerkungen von ihm und anderen machten mir das Leben unerträglich. So faßte ich eines Tages im Jahre 2001 den Entschluß, mit meinen drei Kindern – sie waren mittlerweile 13, 11 und 7 Jahre alt – das Land zu verlassen. Ich war an einem Punkt angelangt, an dem es für mich nicht mehr wichtig war, wohin mich das Leben führt. Ebenso hatte ich keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Ich wollte nur noch eines: dieses vergiftete Leben hinter mir lassen und ein neues finden! Ich hatte einen starken Willen, der mir helfen würde, für meine Kinder und mich eine neue, gute Zukunft aufzubauen. So hoffte ich, doch es kam anders – meine Träume und Wünsche blieben lange Zeit unerfüllt.

Am 15. September erreichten wir Deutschland, und ich stellte dort einen Antrag auf Asyl. Wir blieben 3 Wochen in Karlsruhe. Ich sollte einen Grund für meinen Asylantrag angeben, doch ich traute mich nicht, die Wahrheit zu sagen; ich hatte von anderen gehört, daß Frauen – egal ob mit oder ohne Kinder – wieder in ihr Heimatland abgeschoben würden. Anschließend wurden wir in ein Flüchtlingsheim nach Offenburg verlegt. Dort lebten wir für sechs Jahre mit 900 weiteren Flüchtlingen verschiedener Kulturen und Sprachen. Ich war der deutschen Sprache nicht mächtig, kannte keinen Dolmetscher und hatte Angst vor den Deutschen. Sie wirkten auf mich kaltherzig, nationalistisch und fremdenfeindlich.

Der Kinder wegen musste ich aber irgendwie mit der Situation zurechtkommen. Ich hatte sie aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen und in eine unbestimmte Zukunft mitgenommen – ohne Sicherheit und Fürsorge, dafür mit Entbehrungen und einer zeitweise fehlenden Schulbildung. Zwar hatte ich die Probleme meiner Ehe und des Lebens im Iran noch vor Augen, aber ich stand mittlerweile vor noch größeren Problemen und hatte keine Lösungen. Alles zusammen belastete mich ungemein.

Wir lebten zu viert von 100 Euro im Monat. Ich war daher gezwungen, irgend eine Tätigkeit aufzunehmen. Zwei- bis dreimal wöchentlich bot sich mir die Gelegenheit, zwei bis drei Stunden arbeiten zu können. Der Lohn dafür betrug 15 Euro pro Tag. Trotzdem konnten wir uns nur das Allernötigste leisten und mussten auf vieles verzichten, das früher selbstverständlich war. Doch meine Kinder konnten nun endlich wieder eine Schule besuchen und bekamen jeweils
ein Fahrrad.

2003 konnte ich endlich den Führerschein machen – mir hatte sich eine Gelegenheit aufgetan, dies auf persisch tun zu können. Ich kaufte einen günstigen Gebrauchtwagen. Meine Kinder waren sehr glücklich darüber, doch die Folgekosten mussten auch gestemmt werden, so arbeitete ich mehr und sparte verstärkt. 2005 verlor ich aufgrund einer zweiten Ablehnung meines Asylgesuches das Recht zu arbeiten. Ich musste meine Arbeitsstelle bei Burger King aufgeben und war gezwungen, das Auto unter Preis abzustoßen. Wir waren wieder am gleichen Punkt wie vor vier Jahren. Mit unseren Einkaufsgutscheinen konnten wir nur das Nötigste und Billigste besorgen. Unser tägliches Essen war entsprechend karg. Aber wir mussten zufrieden sein. Oftmals dachte ich mir, dass wir doch eigentlich nur aus der einen Hölle in die andere gekommen waren. Selbstverständlich waren mir die Deutschen und Deutschland nichts schuldig. Ich war selber für
meine Situation verantwortlich. Immerhin war ich hier in Sicherheit – der Iran und meine Familienverhältnisse dort waren nicht mehr meine tägliche Pein. Mittlerweile wurden meine Kinder erwachsener, aus ihnen waren fleißige Schüler geworden. Trotz aller Widrigkeiten, war mir stets ihre solide Ausbildung sehr wichtig. Ihre guten Noten entschädigten mich für vieles. Wir haben das auch vielen netten Menschen zu verdanken, die uns halfen. Vor allem unterstützte uns Frau Maier tatkräftig. Sie stand immer wieder selbstlos meinen Kindern in allen möglichen Lebenslagen bei – das werde ich ihr ein Leben lang danken.

2007 konnten wir das Flüchtlingsheim verlassen, und ich suchte uns eine eigene Wohnung. 2008 erlöste mich eine Fernscheidung von dem Mann, den ich nie geliebt hatte. 2010 stellte ich einen erneuten Antrag auf Asyl, welcher nun angenommen wurde, so dass ich mich endlich frei bewegen konnte. 2011 zog ich nach Karlsruhe.

Heute ist meine älteste Tochter Studentin der Gestaltung an der Universität Pforzheim. Die jüngere Tochter macht in einem Steuerberatungsbüro eine dreijährige Ausbildung zur Bürokauffrau. Mein Sohn besucht die 13. Klasse eines Technischen Gymnasiums. Ich selber übersetze bei Gelegenheiten, meistens für iranische und afghanische Flüchtlinge, die oftmals auch psychisch belastet sind.

Allen Schwierigkeiten zum Trotz, bin ich heute mit meinem Leben zufrieden. Mein Empfinden bezüglich Deutschen und Deutschland hat sich sehr gewandelt. Nun kann ich endlich auch zurückgeben, was ich von meinen Mitmenschen bekommen habe. Ich habe mittlerweile einen liebevollen Partner, der mir sehr behilflich ist, und mein Leben hat dadurch wieder einen Sinn bekommen.

Rückblickend auf meine 45 Lebensjahre, kann ich folgenden Schluss ziehen: Ich bereue es nicht, das ich mein Land verlassen habe und mir dadurch dermaßen Schwierigkeiten entstanden. Meinen Kindern steht dadurch eine weit bessere Zukunft offen. Ich bereue allerdings, dass ich Opfer einer alten Tradition wurde und meine Eltern über meinen Kopf hinweg entschieden, mit wem ich ein Leben lang zusammen zu leben habe. Ich bereue das darauf folgende unerträgliche Leben an der Seite eines ungeliebten Mannes und seiner Familie, die mich nie als Schwiegertochter akzeptiert hat. Diese Erinnerungen werde ich vermutlich nicht mehr so schnell loswerden. Doch die schönen Erinnerungen an meine unbesorgte Kindheit versöhnen mich mit dem Iran und meinem Elternhaus.

Heute schmerzt mich die Sehnsucht nach meinen Eltern, die mittlerweile alt und gebrechlich geworden sind. Und noch mehr schmerzt mich der Verlust meiner Geschwister – alle drei hätten nicht sterben müssen. Vor allem mein jüngster Bruder fehlt mir sehr. Für ihn war ich in seinen Kindheitstagen oftmals wie eine Mutter. Manchmal denke ich, dass ich die Hälfte meiner Seele in meiner Heimat zurückgelassen habe – und die andere Hälfte versucht, dieses neue Land eine neue Heimat für mich werden zu lassen.